Landwirte und Privatleute starten stillen Protest gegen Sammelverordnung für Teufelsmoor und Hammeniederung

Hilferuf mit Kreuzen und Transparenten

18.05.2016
 

Der Landkreis Osterholz bekommt Druck von Landwirten und Privatpersonen. Die wenden sich gegen die gerade in der Endabstimmung befindliche Sammelverordnung zur Ausweisung von Natur- und Landschaftsschutzgebieten im Bereich Teufelsmoor und Hammeniederung. Es ist ein stiller Protest, der seit einigen Tagen mit weißen Kreuzen und Transparenten an den Wegesrändern dieses Gebietes artikuliert wird. Er steht am Ende eines jahrelangen Abstimmungspozesses, bei dem sich die Protestler offenbar als Verlierer sehen und auf diese Weise noch einmal auf ihre Bedenken aufmerksam machen wollen.

Protest der Landwirte Hammeniederung © Hans-Henning Hasselberg
Landwirte haben Anhänger auf ihre Wiesen gestellt und daran Transparente aufgehängt, die zeigen sollen, dass nicht nur sie selber von der Sammelverordnung betroffen seien, sondern auch Touristen. (Hans-Henning Hasselberg)
 

Doch der Druck auf den Landkreis kommt nicht nur von den betroffenen Bürgern, sondern auch von einer ganz anderen Seite. Schon längst hätten die an die Europäische Kommission gemeldeten EU-Vogelschutzgebiete und Flora-Fauna-Habitat-Gebiete (FFH-Gebiete) durch Schutzgebietsausweisung gesichert sein müssen. Es gab Vorarbeiten, auch einige Kreistagsbeschlüsse, konkret passiert ist jedoch nichts. 2014 hatte deshalb die EU ein Beschwerdeverfahren gegen die Bundesrepublik eingeleitet, das niedersächsische Umweltministerium hat den Landkreisen nunmehr eine abschließende Frist für die Sicherung der sogenannten Natura 2000-Gebiete bis Ende 2018 gesetzt. Bis Mitte März hatte der Landkreis den Entwurf der Sammelverordnung einen Monat lang öffentlich ausgelegt und Einwendungen entgegen genommen. Laut Pressesprecher Marco Prietz werden diese derzeit ausgewertet. Anschließend und auf jeden Fall noch in diesem Jahr soll dem Kreistag ein Abwägungsvorschlag zur Abstimmung vorgelegt werden. Dabei sei man auch vom Osterholzer Kreisverband des Niedersächsischen Landvolks vermittelnd unterstützt worden.

Dies bestätigte jetzt auf Anfrage Kreislandwirt Stephan Warnken, der allerdings von den Protestkreuzen und Transparenten zunächst nichts wusste. „Diese Aktion hat mit dem Landvolk nichts zu tun“, sagte er gegenüber dieser Zeitung, nachdem er sich schlau gefragt hatte. Dies sei eine Aktion der Schutzgemeinschaft Teufelsmoor und Hammeniederung, die sich durch die Sammelverordnung auf unterschiedliche Weise eingeschränkt sehe. „Die Menschen tun damit ihre Sorgen kund“, sagte Warnken, der diese Protestform für legitim hält. Als Landvolk sei man vom Landkreis in die Vorbereitung der Sammelverordnung eingebunden gewesen, bestätigte der Kreislandwirt. Warnken: „Ich kann mich in manchen Passagen wiederfinden.“ Und er könne in der jetzigen Vorlage auch manches als Erfolg für die Landwirte ansehen. Auf der anderen Seite könne man aber durchaus nicht alles gutheißen, was die Sammelverordnung bringen werde. Als Landvolk werde man deshalb versuchen, seinen Einfluss auf der politischen Schiene geltend zu machen, so Warnken.

Kritik: Auch Touristen betroffen

Die Schutzgemeinschaft Teufelsmoor und Hammeniederung hingegen trägt ihren Protest auf beziehungsweise an die Straße. Rund 100 Kreuze mit den Initialen SGTH seien aufgestellt worden, schätzt Gerhard Geffers von der Schutzgemeinschaft. Zudem hätten Landwirte Anhänger auf ihre Wiesen gestellt und daran Transparente aufgehängt, die zeigen, dass nicht nur sie selber von der Sammelverordnung betroffen seien, sondern beispielsweise auch die Touristen. „Mit Wandern ist bald Schluß – Gruß vom Landkreis“ heißt es da zum Beispiel, denn, so Geffers, werde die Sammelverordnung Realität, sei auch Schluss mit der uneingeschränkten Bewegungsfreiheit von Spaziergängern in den entsprechenden Gebieten zwischen Wallhöfen im Norden, Ritterhude und Mittelbauer im Süden, Hüttenbusch, Neu Sankt Jürgen und Mevenstedt im Osten und Freißenbüttel und Lübberstedt im Westen. Denn dann komme man nur noch begleitet von Naturschutzorganisationen ins Teufelsmoor und in die Hammeniederung, aus der die Landwirte herausgedrängt würden. Über die geltenden EU-Vorgaben hinaus wolle sich der Landkreis noch mehr Kontrollmöglichkeiten verschaffen, glauben Geffers und seine Mitstreiter, die keine Entwicklungsmöglichkeiten für die Bauern sehen, die mit ihren Höfen in dem betroffenen Gebiet liegen. Gleiches gelte für Privatleute, die dort ihre Häuser stehen hätten oder auch noch über Grundstücke verfügten. „Mit den betroffenen Menschen könnten Vereinbarungen getroffen werden, stattdessen will der Landkreis alles mit Verboten regeln“, so die Sicht der Schutzgemeinschaft. Und auch der Torfabbau lasse sich ohne weitere Verbote verhindern, ist man überzeugt.

Bei Landwirten wie bei Privatleuten bedeute die Umsetzung der Sammelverordnung eine Entwertung ihres Besitzes, beschwert sich Geffers. „Nicht jeder kann auch einen Hofladen einrichten oder Ferienwohnungen bauen“, sagt er. „Und das will ja vielleicht auch nicht jeder.“ Eine Entschädigung für die unter Schutz gestellten Flächen gebe es sowieso nicht, sagt Geffers. Hinzu komme aber auch noch, dass man im Falle eines Falles das Land nicht mal bei der Bank beleihen könne, da es ja seinen ursprünglichen Wert verloren habe. Das führe zu einer Teilenteignung.

Betroffen ist laut Geffers auch ein Bauunternehmer aus Verlüßmoor, der deshalb an Bauzäunen die Forderungen der Schutzgemeinschaft unterstützt. „Der sitzt auch mit seiner Firma mittendrin in dem Gebiet, und auch für ihn wird die Entwicklung immer schwieriger“, so Geffers.

Beim Landkreis nimmt man den Protest auf Äckern und Weiden derweil zur Kenntnis, verweist aber auf das jahrelange Verfahren, „unzählige Gespräche mit Landwirten sowie mit dem Landvolk und anderen Interessenverbänden zu führen“. Pressesprecher Prietz: „Es ist das gute Recht eines jeden betroffenen Grundstückseigentümers wie auch jeder sonstigen Privatperson, seine Meinung zur Sammelverordnung kund zu tun. Die Kreisverwaltung wird sich jedoch an den zur Beschlussfassung über eine solche Verordnung erforderlichen Verfahrensgang halten.“

Als Christin, Kirchenvorstandsmitglied und besorgte Mitbürgerin wende ich mich mit diesem Artikel an Sie, den Leser des Kirchenblattes „ankreuzen“, da ich meine, die Gemeinschaft unserer Kirche sollte über die Sorgen der Menschen des Dorfes Teufelsmoor informiert werden.

 

Lieber Gott ich fürchte mich!

Im Jahr 2000 bin ich ins Dorf Teufelsmoor gezogen, in eines der Dörfer unserer Emmaus-Gemeinde am Stadtrand von Osterholz-Scharmbeck. Geboren und aufgewachsen bin ich in einer Kleinstadt am Rande der Lüneburger Heide. Ich hatte damals noch Heimatkunde in der Schule, die Großeltern verkauften Lebensmittel und meine Verwandten waren Landwirte. Daheim konnte ich stundenlang über Felder und in Wäldern laufen, die Natur erfahren und in und mit ihr aufwachsen.

Die Region Teufelsmoor durchwanderte ich zu Fuß, mit dem Fahrrad, im Sattel auf dem Rücken eines Pferdes, mit meinem Hund auf landwirtschaftliche Wege, Fahrradwegen, Strassen oder Flussrandstreifen. So lernte ich, die mich hier umgebene Landschaft schätzen und lieben. So wie ich damals die Heidepflanzen unterscheiden konnte und die Geschichte unserer Stadt kannte, so kenne ich heute den Unterschied zwischen Hochmoor und Niedermoor, weiß welche Pflanzen hier heute wachsen und welche Tiere hier leben. Ich befasse mich damit, die spannende Geschichte eines über 600 Jahre alten Dorfes von den hier lebenden Bewohnern zu erfahren und erahne was die alten Künstler Worpswedes an diesem Landstrich liebten, wenn ich mich mit heutigen Touristen, die diese Kulturlandschaft entdecken, austausche. Ja, diese Kulturlandschaft mit ihrer Vogel- und Pflanzenwelt, ihrer erlebbaren Ruhezonen, ihrer unterschiedlichsten Dörfer und Menschen sollte bewahrt, geschützt und unterstützt werden.

Doch nun geht die Furcht in unserem Dorf um, dass dieses über Jahrhunderten gewachsene Gleichgewicht zerstört wird. Die Landwirte dieses Ortes haben im Einklang mit der Natur gewirtschaftet und über Jahrhunderte diese Kulturlandschaft geschaffen und bewahrt. Nun sollen ihre Wiesen, ihr Grund und Boden, nach den Ideen der unteren Naturschutzbehörde bewirtschaftet werden und zu diesem Zweck entweder unter Natur- oder unter Landschafts-schutz gestellt werden. Um „Härten“ abzufedern sollen sie Hofflächen tauschen, dass heißt verkaufen, um dann kilometerweit entfernte Flächen zu erwerben oder EU-Ausgleichsgelder beantragen, um demnächst als Bittsteller zu überleben. Ihre Höfe werden zerschlagen. Sie haben Angst, dass sie ihr Vieh nicht mehr satt bekommen und angefeindet werden, weil sie die Straßen kaputtfahren. Sie haben Existenzängste, da ihr Land mit einem Federstrich nichts mehr Wert ist.

Und ich, ich habe die Furcht, dass die hier lebenden Menschen und vor allem sie, aber auch die Vögel, die Tiere und die Pflanzen erheblichen Schaden nehmen.

 

Agnes Lenz

 

erschienen im Evangelischen Magazin für Osterholz-Scharmbeck und Ritterhuder Nr.2 / April und Mai 2016 auf Seite30

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