Kreis stellt Konzept-Entwurf vor

Naturschutz - Segen oder Fluch?

02.03.2016

Was soll künftig in den Natur- und Landschaftsschutzgebieten in der Hammeniederung und im Teufelsmoor erlaubt sein und was nicht? Darum ging es jetzt im Osterholz-Scharmbecker Rathaus.

 

Der Nachmittag versprach dröge zu werden: Sachstandsbericht des Landkreises Osterholz zum Entwurf der Sammelverordnung des Landkreises Osterholz über Natur- und Landschaftsschutzgebiete im Bereich „Hammeniederung“ und „Teufelsmoor“. So lautete in sperrigsten Behördendeutsch der wichtigste Tagesordnungspunkt der ersten Sitzung des Bau- und Umweltausschusses im neuen Jahr.

Hört sich kompliziert an, ist es aber gar nicht – und auch eigentlich gar nicht dröge. Auf rund zehn Hektar – von Ritterhude bis Hambergen, von Osterholz-Scharmbeck bis Worpswede und Lilienthal verteilen sich fünf Naturschutz- und Landschaftsschutzgebiete. Um dieses in Europa einzigartige Landschaftsbild mit seiner Tier- und Pflanzenwelt und dessen Lebensräume zu sichern, bedarf es einer Konzeption. Einfach ausgedrückt: einer Vorgabe mit Verhaltensregeln für die Menschen, die dort leben. Für Menschen, die dort Erholung suchen. Daran arbeiten die Mitarbeiter der Landkreisverwaltung seit Monaten. Nun liegt dazu ein weiterer, nach vielen mit Anrainern geführten Gesprächen aktualisierter Entwurf auf dem Tisch.

Zweistündiger Vortrag

Der scheidende Dezernent Richard Eckermann – er verlässt die Hammeniederung in Richtung Landeshauptstadt – und der Leiter der unteren Naturschutzbehörde, Johannes Kleine-Büning, touren bereits seit Tagen durch die Rathäuser der in den Schutzgebieten beheimateten Gemeinden. Jetzt machten sie auch im Rathaus der Kreisstadt Station, um zu erzählen, was Bewohner, Landwirte, Jäger, Fischer, Wasser- und Luftsportler, aber auch Touristen dort noch dürfen oder auch nicht. Besonders interessiert: natürlich die Bürger aus dem Teufelsmoor, die wie kaum andere mit dem Naturschutz leben. Und die hatten am Montagnachmittag in großer Zahl den Ratssaal aufgesucht, um zu hören, was die Kreisoberen zu sagen hatten.

Und das war viel, sehr viel – zumindest was die Dauer der Information betrifft. Gute zwei Stunden redete Richard Eckermann. Ein durchaus interessanter Vortrag, aber auch ein Parforceritt durch einen Verordnungsdschungel, der Durchhaltevermögen und höchste Konzentration von den Politikern und den Bürgern verlangte. Die Quintessenz: Es wird längst nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Will heißen: die Zahl der Verbote hat sich im Gegensatz zur ersten Fassung deutlich reduziert. Zwar heißt es deshalb nicht: „Erlaubt ist, was gefällt.“ Aber die Befürchtungen vieler Teufelsmoorer, aufgrund der restriktiven Verordnungen würde das kleine Dorf sterben, scheinen unbegründet. Und auch die Existenzängste der Landwirte dürften nach diesem Vortrag weitgehend ausgeräumt sein. Naturschutz verhindere keine auskommende Landwirtschaft, eher der allgemeine Strukturwandel, glauben Eckermann und Kleine-Büning.

Bedenken aus Teufelsmoor

Die anwesenden Teufelsmoorer hielten es denn doch eher mit Goethes Faust: „Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.“ Obwohl schon in intensiven Gesprächen bestens informiert, äußerte nicht nur Hans-Hermann Tietjen, CDU-Ratsherr und Ortsvorsteher von Teufelsmoor seine Bedenken, auch die Bürger formulierten in der angeschlossenen Einwohnerfragestunde ein weiteres Mal ihre Sorgen. Themen waren unter anderem die Zukunft des Dorfes, Wegekonzept, Baumaßnahmen, Tourismus, Entwicklungsmöglichkeiten der Landwirte und die Bewertung der Grundstücke. Zusammengefasst unter der konkreten Frage: Wie soll es in Teufelsmoor weitergehen?

„Wir sind keine Hellseher“, lautete Kleine-Bühnings Antwort. Und: „Landschaftsschutzgebiete sind nicht für Jahrhunderte gemacht.“ Gleichzeitig forderte er die Bürger – und nicht nur die Teufelsmoorer – auf: „Sie müssen der Kreisverwaltung auch ein Minimum an Vertrauen entgegenbringen.“ Und auch Richard Eckermann versicherte nochmals: „Wir wollen das Dorfleben nicht zerstören und die einzigartige Kulturlandschaft erhalten. Eckermann ist überzeugt: „Dieses Gebiet hat gute Entwicklungschancen.“ Auch wenn wohl die Landwirte mit Veränderungen leben müssen.

So ging man nach 195 Minuten auseinander – friedlich und mehr oder weniger überzeugt. Ganz im Sinne des Ausschussvorsitzenden Klaus Sass: „Wir werden gemeinsam einen Weg finden, der auch Teufelsmoor zugute kommt“, gab er allen mit auf den Heimweg. Wie, dazu haben die Politiker Zeit bis zum 5. April. Dann müssen sie sich zu einer Stellungnahme der Stadtverwaltung äußern. Zwei Tage später muss der Verwaltungsrat abschleißend entscheiden. Bis zum 15. März liegt der Entwurf im Rathaus der Kreisstadt öffentlich aus. Auch im Internet ist er unter www.landkreis-osterholz.de einsehbar

Landkreis Osterholz

Ausgelegt und aufgeregt

11.03.2016

Die Vorgaben aus Brüssel und Berlin zwingen die Osterholzer Kreisverwaltung in diesen Tagen zum Spagat. Für den 21. Juni ist der Erlass einer neuen Sammelverordnung zum

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 (Harry Laube)

Natur- und Landschaftsschutz in der Hammeniederung und im Teufelsmoor geplant. Mit der öffentlichen Auslegung des Paragrafenwerks, die bis 15. März läuft, sowie mit der jüngsten Beratung im Kreistagsausschuss für Umweltplanung und Bauwesen hat die entscheidende Phase begonnen. Spätestens 2018 muss die Angelegenheit unter Dach und Fach sein, sonst setzt es Strafen der EU. Es geht um 9703 Hektar und das Tauziehen zwischen Umweltschützern und Landwirten ist in vollem Gange.

Die Kontrahenten werfen dem Landkreis vor, der jeweils anderen Seite zu große Zugeständnisse gemacht zu haben. Planungsdezernent Richard Eckermann kann sich drehen und wenden wie er will: Er wird es nicht allen Recht machen können. Schon gar nicht den Teufelsmoorern, die weiterhin befürchten, dass in ihrer Ortschaft demnächst die Lichter ausgehen könnten.

Haus für Haus, Flurstück für Flurstück, ist die Verwaltung den Entwurf mit den Dörflern durchgegangen, um Schutzziele und Entwicklungsmöglichkeiten unter einen Hut zu bringen. Nun sind für etliche Haus- und Hof-Grundstücke nördlich der Teufelsmoor-Straße Ausnahmen gegenüber dem ursprünglichen Arbeitsentwurf vorgesehen. Doch die Bürger sind zur Klage bereit, mögen nicht glauben, dass der sich abzeichnende Kompromiss für die Zukunft trägt und nicht durch die Hintertür des Kleingedruckten ausgehebelt wird.

Vergleichsweise zufrieden scheint, gemessen an den anfänglichen Protesten, zurzeit das Landvolk. Eckermann findet, mit dem ausliegenden Entwurf sei man den Bauern ein Stück entgegengekommen. Details zur künftigen Entwicklung und Pflege der Flächen werden sich allerdings erst in der zweiten Tranche zeigen, die im Laufe des Jahres 2017 beschlussreif werden soll.

Eckermanns Nachfolger Dominik Vinbruck wird sich dann mit den Bewirtschaftungsregularien für privat genutzten Grund und Boden zu befassen haben. Der scheidende Dezernent sagt: „Es wird zu Einschränkungen kommen.“ Dabei gelte aber der Grundsatz: Was heute Ackerland ist, kann Ackerland bleiben. Neue Ackerflächen sind ausnahmsweise nur in Landschaftsschutzgebieten möglich, wenn der Bereich nicht als Moorboden klassifiziert ist oder hohe Wasserstände hat.

Als extremes Zugeständnis empfinden Naturschützer die offen gehaltene Möglichkeit, dass die Bauern zur Erneuerung der Grasnarbe auf Grünlandflächen weiterhin die Fräse einsetzen dürfen, vorausgesetzt, die Bearbeitungstiefe beträgt maximal 15 Zentimeter. Fragen der Zeitpunkte, der Düngung und der Mahd werden einzelflächenbezogen in der ersten Tranche der Sammelverordnung noch nicht geregelt.

Für Jagd und Fischerei, Bootsverkehr und Luftsport werden weitestgehend die Bestimmungen der jeweiligen Sonderkonzepte übernommen, die zuletzt schon galten: Das Ausflugsschiff Alma und die Torfkähne können wie bisher flussaufwärts bis Neu Helgoland schippern, für die anderen Motorboote ist bei Tietjens Hütte oder im Osterholzer Hafen Schluss, es sei denn, sie haben genehmigte Liegeplätze im Geltungsbereich oder fallen unter die sogenannte Seniorenregelung. Allerdings regt sich von Ritterhuder Wassersportlern bereits Protest, da sie sich von Einschränkungen betroffen fühlen, die ab Tietjens Hütte flussaufwärts gelten sollen.

Der Ausschussvorsitzende Axel Miesner (CDU) lobte, der bisherige Dialog habe sich gelohnt und sei „der Sache dienlich“. Sein Fraktionskollege Torsten Wischhusen sagte, dass die Errichtung wesentlicher baulicher Anlagen in Landschaftsschutzgebieten nicht kategorisch verboten sein soll, sei ein großer Schritt für mehr Entwicklungsmöglichkeiten, die per kommunaler Satzung geregelt werden könnten. Juristen sprechen von einem „präventiven Verbot mit Erlaubnisvorbehalt“ – was im Übrigen auch für das Szenario einer Ritterhuder Entlastungsstraße (B 74 neu) gilt.

Jutta Kemmer von der Biologischen Station Osterholz war weniger zufrieden: Die Regelung in den Landschaftsschutzgebieten sei für sinnvollen Vogelschutz nicht mehr geeignet, die Größe der Pufferzonen zu klein. Es sei ein Unding, dass Grünland in einem EU-Vogelschutzgebiet theoretisch in Ackerland umgewandelt werden könne. Sofern es sich nicht um Moorboden handelt, könne die Behörde das Okay dazu, Stand jetzt, nicht versagen. Kemmer: „Das geht entschieden zu weit.“

Eckermann gab zu bedenken, 89 Prozent der Flächen in der Sammelverordnung weisen Moorböden auf, kämen für Tiefenumbruch demnach nicht in Frage; der Vogelschutz sei zumindest im Landschaftsschutzgebiet Teufelsmoor auch kein absolutes Schutzziel. Die Abgeordneten werden im Ausschuss am 14. Juni über alle vorgebrachten Bedenken und Anregungen zu entscheiden haben. Bis dahin will die Verwaltung zu jeder Eingabe Abwägungsvorschläge unterbreiten.

Info im Internet unter der Adresse www.landkreis-osterholz.de/sammelverordnung

Arbeitsentwurf hat Federn gelassen

Jede Gewerkschaft hat den späteren Kompromiss vor Verhandlungsbeginn in ihre Lohnforderungen eingepreist. Und so wird es auch der Naturschutzbehörde im Kreishaus klar gewesen sein, dass der 2015 vorgelegte Arbeitsentwurf im Beratungsverfahren Federn lassen würde. Der aktuell ausliegende Plan, Hammeniederung und Teufelsmoor ab dem Sommer per Natur- und Landschaftsschutz neu zu sichern, macht gegenüber dem ersten Anlauf schon einige Zugeständnisse. Gegenüber dem Arbeitsentwurf fürs Naturschutzgebiet Teufelsmoor werden 147 von zunächst 2195 Hektar nun dem Landschaftsschutzgebiet zugeschlagen, das seinerseits an den Rändern verkleinert wird und daher per saldo nur um 26 auf 1273 Hektar anwächst.

Das Landschaftsschutzgebiet Hammeniederung wiederum schrumpft um 213 Hektar auf nunmehr 3483 Hektar, während das Naturschutzgebiet Hammeniederung 2853 Hektar behalten soll; schließlich hatte der Landkreis für den Flächenkauf im GR-Gebiet seit den Neunzigerjahren allerhand Fördermittel vom Bund erhalten.

Dass ein Gebiet zum Naturschutz hochgestuft wurde, wie im Fall Önersmoor geschehen, ist indes die Ausnahme. Wegen der besonderen Lage eines einzelnen Landwirts im Bereich Wulfsburg, wurde darüber hinaus eine eigene Verordnung für 46 Hektar in der Beek-Niederung geschrieben, wo zunächst der strengere Naturschutz hätte gelten sollen. Nun sollen es doch die milderen Landschaftsschutz-Auflagen werden, ergänzt um besondere Bestimmungen zum Vogelschutz.

Planungsdezernent Richard Eckermann sagte, der betroffene Landwirt westlich der Beek habe keinerlei außerhalb liegende Flächen; er wolle lieber ohne den Erschwernisausgleich eines Naturschutzgebiets weiter wirtschaften. „Aus meiner Sicht steht er sich damit nun nicht besser, aber wir haben uns so verständigt, dass er sich später immer noch umentscheiden kann.“

Wassersportvereine sehen sich durch geplante Naturschutz-Auflagen für die Hamme in ihrer Existenz bedroht

Ausgebootet

15.03.2016

Der Bootsverkehr auf der Hamme soll in den kommenden Jahren deutlich reduziert werden. Während es im Entwurf für das Naturschutzgebiet umfangreiche Ausnahmen für die Torfkahntouren, das Hal-Över-Passagierschiff, Segler und Ruderer gibt, wird der Bewegungsraum für die restlichen Wassersportler deutlich eingeschränkt. Vereine in Ritterhude und der Landesverband Motorbootsport Bremen haben jetzt wütend Widersprüche eingelegt.

 
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Die Zeiten, in denen sich die Boote auf der Hamme tummelten, könnten bald vorbei sein. Der Landkreis will den Bootsverkehr einschränken. Die Ritterhuder Wassersportler protestieren gegen die Auflagen. (Peter von Döllen)

„Alles was der Landkreis selbst auf dem Wasser macht, hat man ausgenommen und versucht gleichzeitig, uns Riterhuder Vereine aus unserem angestammten Revier zu drängen.“ Torsten Hengst spricht für den Wassersportverein „Ritterhuder Ulen“ von einem Todesstoß für den Verein, sollten die Verordnungen für das Befahren des Naturschutzgebietes wie geplant am 21. Juni im Kreistag beschlossen werden. Hengst: „Wir haben das durch Zufall im Internet entdeckt. Das ist so nie mit uns abgestimmt worden, obwohl man die Verwaltung genau damit noch in einer Sitzungsvorlage vom 13. Oktober ausdrücklich beauftragt hat.“ Konkret geht es Hengst um eine ganze Liste an Einschränkungen vom Ankerverbot bis zur Begrenzung neuer Boote auf eine Länge von maximal zehn Metern. Boote bis zwölf Meter Länge dürften demnach nur noch fahren, wenn sie bis 2005 bei den Vereinen registriert waren. Für Boote insgesamt gesperrt wird die Hamme ab Tietjens Hütte. Die Fahrt zum Osterholzer Hafen soll auch noch frei bleiben. Die hammeansässigen Vereine dürfen per Ausnahmeregelung in diesem Entwurf noch mit bestimmten Kontingenten von Booten weiter bis Melchers Hütte. Für die Ritterhuder wäre das die Endstation, während die Campingplatzboote und die der Wassersportgemeinschaft Worpswede noch bis Neu Helgoland fahren dürften. Ausgenommen sind demnach auch noch Boote mit alteingesessenen Wassersportlern, die vor 1950 geboren worden sind. Hengst kritisiert, dass praktisch überall gegen den Grundsatz der Gleichbehandlung verstoßen wird: „Die Regelungen gehen viel weiter als jemals besprochen: Das hier betrifft die komplette Naherholung an der Hamme.“

Unterstützung bekommt Hengst vom Vorsitzenden des Wassersportvereins Ritterhude, Gerd Möckel, der ebenfalls schriftlich beklagt, dass der Landkreis diesen Entwurf nie mit dem Verein abgestimmt hat. In der Alterssonderregelung sieht er eine Diskriminierung der aktiven Jugendarbeit, die der Verein leistet: „Was nutzt ein Naturschutzgebiet, in dem verantwortungsbewusste Freizeitsportler sich nicht mehr in der Natur erfreuen können?“ Er glaubt, dass mit den neuen Regelungen die Existenz aller Wassersportvereine an der Hamme direkt bedroht wird.

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Für das Ausflugsschiff „Alma“ soll es Ausnahmeregelungen geben, damit es weiterhin Neu Helgoland ansteuern kann. (Volker Kölling coast communication)

Als Beispiel einer sinnfreien Regelung führt Gerd Möckel die Bootslängenreduzierung an: „Ob ein Boot acht Meter, zehn Meter, zwölf oder 15 Meter Länge hat, ist unter der Einhaltung der Geschwindigkeitsregelung völlig irrelevant und hat keinerlei Auswirkungen auf die Ziele der Natur- und Landschaftsschutzgebiete im Bereich von Hammeniederung und Teufelsmoor.“ Das Ankerverbot konzentriere die im Revier verbleibenden Boote auf zu wenige Anlegestellen, statt die paar noch verbliebenen Boote zu verteilen. Noch ein Beispiel: Für seine Paddler sei die Fahrerlaubnis auf der Beek zwischen dem 15. Juli und dem 31. Oktober ein herber Einschnitt in ihr Hobby. Gerd Möckel schlägt stattdessen vor, die zeitliche Begrenzung zu lassen und stattdessen die sensiblen Uferzonen für die Boote zu sperren.

Die beiden Vereinsvorsitzenden bekommen Unterstützung vom Landesverband Motorbootsport Bremen, in dem die Motorbootfahrer von knapp 40 Wassersportvereinen im Weserrevier organisiert sind. Dessen Umweltvorstand Wolfgang Krokat ahnt ideologische Motive hinter den weitreichenden Verboten für die Bootsfahrer. Krokat erinnert den Landkreis in einer Stellungnahme, dass die Naturidylle in ihrem Gebiet erst durch die jahrzehntelange permanente Nutzung durch die Wassersportler entstanden sei: „Den Wassersport in all seinen Schattierungen nun zu beschränken, auszutrocknen oder zu verbieten zeigt, dass hier Regelungen geschaffen werden sollen, die etwas verhindern sollen, das es so gar nicht gibt.“

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Ab Tietjens Hütte soll die Hamme für Boote gesperrt werden. Für die Ritterhuder Wassersportler wäre per Ausnahmeregelung bei Melchers Hütte die Endstation. (Volker Kölling coast communication)

Johannes Kleine-Büning wehrt sich als zuständiger Leiter des Planungs- und Naturamtes beim Landkreis Osterholz gegen den auch vom LMB erhobenen Vorwurf, die Betroffenen seien nicht in die Planungen einbezogen worden und mahnt einen Faktencheck an: „Wir haben seit dem Jahr 2000 in der IG Sport Freizeit Hamme ungezählte Abendstunden auch mit den Vereinsvertretern gesessen und Sonderkonzepte entwickelt. Diese wurden abgestimmt mit dem Bundesamt für Naturschutz und daraus wiederum haben wir eine Geschäftsgrundlage fixiert, die sich in den Verordnungen im Entwurf niederschlägt.“

Wer den Naturplanern Ideologie vorwerfe, zeige damit nur, wie wenig Problembewusstsein für die Situation vorhanden sei. Johannes Kleine-Büning erinnert an die vor 25 Jahren begonnene Diskussion, wie man das Gebiet retten könne: „Dieses Gebiet hatte vor dem Programm sehr gelitten und war in einem schlechten Zustand. Wir reden von Lebensraumfunktionen für viele seltene Pflanzen-, Fisch- und Tierarten, die durch unterschiedliche Nutzungen stark beeinträchtigt werden.“

„Boote vertreiben viele Arten von Wasservögeln, weil das Fluchttiere sind. Der Fischlaich in den Uferzonen reagiert empfindlich auf Wellenschlag und so setzen sich die negativen Auswirkungen des Bootsverkehrs fort“, erläutert der Planungsamtschef. Mit den 16 Millionen Euro aus dem Bundesprogramm zwischen 1995 und 2009 habe man nun aber auch Auflagen für den Naturschutz einzuhalten, die Bundeskriterien standhielten: „Und da ist eine klare Vorgabe, den Bootsverkehr auf der Hamme deutlich zu reduzieren.“

Kleine-Büning räumt ein, dass es Ausnahmeregelungen für die Osterholzer Segler, die Osterholzer Ruderer, das Fahrgastschiff und die Torfkähne gebe „weil diese auch von den politischen Gremien gesetzt worden seien“. Die Altersregelung für die älteren Skipper sei hingegen ein feinfühliges Entgegenkommen der Planer gewesen. Die jüngeren Vereinsmitglieder an der Hamme hätten sich andererseits schon seit 1995 mit der Tatsache auseinandersetzen können, was im Revier auf sie zukomme: „Es gibt keine Perspektive, hier den Bootssport noch auszubauen, das war allen klar.“

Vertreter der Naturschutzvereine kritisieren Landkreis-Entwurf zur Sammelverordnung für Hammeniederung und Teufelsmoor

„Regelung geht am Schutzziel vorbei“

Johannes Kleine-Büning bezeichnete es als eine Gratwanderung – zwischen dem, was für den Schutz der Natur wünschenswert und dem, was den Menschen zumutbar ist. Für die Naturschutzvereine ist es jedoch ein schmerzhafter Spagat. Das wurde nun bei der Info-Veranstaltung des Landkreises zum Entwurf zur Sammelverordnung über Natur- und Landschaftsschutzgebiete im Bereich „Hammeniederung“ und „Teufelsmoor“ deutlich. Die Vereinsvertreter ließen gegenüber dem Leiter der Unteren Naturschutzbehörde keine Zweifel, dass ihnen die geplanten Regelungen für die zu schützenden Flächen zwischen Ritterhude und Viehspecken sowie Worpswede und Osterholz-Scharmbeck nicht weit genug gehen.

 
 
Uferschnepfenküken © frei
Um Uferschnepfen-Küken wie dieses machen sich die Naturschützer Sorgen. Für deren Schutz gehen ihnen die Regelungen der Sammelverordnung nicht weit genug. (frei)

„Ich habe damit gerechnet, dass ich Prügel beziehen werde“, bemerkte Kleine-Büning. Auch sei er nicht davon ausgegangen, die Naturschützer an dem Abend überzeugen zu können. Auf einen Versuch hatte er sich aber auf Initiative der Koordinationsstelle für Naturschutzfachliche Verbandsbeteiligung (KNV) gern eingelassen: „Es wird höchste Zeit auch in diesem Raum über den Entwurf zur Sammelverordnung zu berichten“, spielte er auf vergleichbare Info-Veranstaltungen wie für das Landvolk an. Veranstaltungen, bei denen die Wogen hoch gingen – befeuert von größtenteils irrationalen und zu geringeren Teilen berechtigten Ängsten. Einige der Landwirte seien massiv von dem Regelwerk betroffen, räumte Kleine-Büning ein. Deshalb sei die Verwaltung in der überarbeiteten Fassung des Entwurfs zur Verordnung, „der Landwirtschaft auch einen gewaltigen Schritt entgegengekommen“, sagte er.

Grob vereinfacht geht es darum, dass auf Drängen der EU bis 2018 zwischen der Ritterhuder Schleuse und der Teufelsmoorstraße 2853 Hektar und zwischen Teufelsmoorstraße und Viehspecken 2048 Hektar zu Naturschutzflächen erklärt werden. Wie eine Pufferzone werden beide Bereiche von weiteren 4756 Hektar weniger streng geschützten Landschaftsschutzgebieten umgeben. Dazu kommt das 46 Hektar große Landschaftsschutzgebiet für die Beekniederung. All diese Flächen liegen bereits heute teilweise im Vogelschutz- und Flora-Fauna-Habitat-Gebiet der EU, sind Teil des Naturschutzprojektes GR-Gebiet oder finden sich mit ihrem Landschaftsbild und Erholungswert in der „Vision Teufelsmoor“ wieder. Nun soll für alle eine Sammelverordnung auf den Weg gebracht werden. In zwei Schritten. Die Satzung für die erste Tranche aus weniger umstrittenen Flächen könnte im Juni vom Kreistag verabschiedet werden. Für die zweite Tranche werden zurzeit Gespräche mit den betroffenen Landwirten geführt.

Sammelverordnung zu Naturschutz- und Landschaftsschutzgebieten in der Hammeniederung und im Teufelsmoor © Brigitte Lange
Verwaltungsvertreter Johannes Kleine-Büning (links) diskutierte mit Vertretern der Naturschutzvereine über die geplante Sammelverordnung und Zugeständnisse an die Landwirtschaft. (Brigitte Lange)

Die Diskussion mit den Naturschützern konzentrierte sich auf die Regelungen für die die Naturschutzflächen umschließenden Landschaftsschutzgebiete. Ein Bereich, zu dem Kleine-Büning selbst bemerkte, dass sich niedersachsenweit kaum eine ander Satzung für ein Landschaftsschutzgebiet fände, die derart „harmlos“ sei. Und doch gebe es zwei Punkte in denen sie „scharf“ sei, betonte er. „Es darf kein Grünland mehr auf Moorböden, Überschwemmungsgebieten und auf Flächen mit hohem Grundwasserstand zu Ackerland umgebrochen werden, und es darf kein Torf mehr abgebaut werden.“ Wer also keinen Torfabbau im Teufelsmoor wolle, der müsse für die Verordnung sein, argumentierte er. Zur Umbruch-Regelung erklärte er, dass dies nach den Regeln einer „ordentlichen“ Landwirtschaft – und nur die sei erlaubt – auf nassen Böden eh nicht zulässig sei. Dennoch fänden sich dafür Beispiele in dem Gebiet. Um das künftig zu verhindern, soll die Umwandlung solcher Flächen in Ackerland untersagt werden.

Ausgenommen von der Regel, sind im Landschaftsschutzgebiet Wiesen auf trockenen Böden, wie die Naturschützer Kleine-Büning vorwarfen. Laut Entwurf dürfe dieses sogenannte fakultative Grünland zu Ackerland gemacht werden, wenn dadurch die Schutzziele der Verordnung nicht konterkariert würden. In so einem Fall dürfe der Antrag nicht abgelehnt werden. „Hier sind Sie nach unserem Gefühl viel zu weit gegangen“, kritisierte Jutta Kemmer (KNV). Es mache keinen Sinn, Wiesenvögel, also Bodenbrüter, zu schützen, wenn es keine Wiesen mehr für sie gäbe. Es reiche nicht, ihnen nur nasse Standorte anzubieten; sie bräuchten auch trockene. „Und es müssen artenreiche Wiesen sein“, betonte ein Teilnehmer. Wiesen mit Wildkräutern, nur sie würden den Vögeln und Küken mit ihrem Samen- und Insektenreichtum Nahrung bieten. Diese Vielfalt sei nicht geschützt. Im Gegenteil – im Landschaftsschutzgebiet dürfe das Grünland mit Totalherbiziden für die Neuansaat von Hochleistungsgras „platt“ gemacht werden beziehungsweise durch das Fräsen der Fläche bis auf 15 Zentimeter Tiefe für die Saat vorbereitet werden. „Ich finde da geht die Regelung völlig am Schutzziel vorbei“, sagte Hans-Gerhard Kulp (Bund). Johannes Kleine-Büning wies indes darauf hin, dass es ohne die Landwirtschaft gar keine Wiesen und ohne Wiesen keine Wiesenvögel gäbe. Naturschutz ohne Landwirtschaft funktioniere daher nicht – und die Landwirte bräuchten die Neuaussaat als Futter für ihr Vieh. Kritik übten die Naturschützer außerdem daran, dass die Satzung für die Landschaftsschutzgebietsflächen keine Vorgaben zu Mahd- und Vieh-Auftrieb-Terminen sowie Düngezeiten gibt. Kleine-Büning bestätigte, dass das für die Wiesen dort nicht vorgesehen sei. Einzige Maßgabe: Die Wiesen dürfen nur von außen nach innen gemäht werden, wobei im Zentrum eine Fluchtinsel für die Jungvögel und das Niederwild von 50 mal 50 Metern stehen bleiben muss. Aus Sicht der Naturschützer absurd – da die Wiesen bereits bearbeitet würden, wenn die Nester gerade angelegt würden, die Küken noch nicht geschlüpft seien, nicht flüchten könnten.

Allerdings war allen klar, dass es die Landwirte Geld kosten würde, solche Aspekte zu berücksichtigen und zum Schutz der Vögel keine Neuaussaat und keine Mahd vor Juli vorzunehmen. Tatsächlich gebe es für solche Fälle Erschwerniszulagen. Aber die würden nur für Flächen in Naturschutz- und nicht in Landschaftsschutzgebieten gezahlt. Deshalb forderten die Naturschützer, aus den Landschaftsschutzgebieten gleich Naturschutzgebiete zu machen. Zum Vorteil der Tiere – und der Landwirte, argumentierten sie. Drei Stunden tauschten sich Verwaltung und Naturschützer aus. Am Ende blieb das Gefühl: „Wir haben eine Menge gelernt, aber die Probleme bleiben weitestgehend ungelöst.“

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© Bärbel Renken